Das Ereignis E passiert in Peters Koordinatensystem im Punkt \((x,y,z)\). In Susis Koordinatensystem, das mit der konstanten Geschwindigkeit \(v\) entlang Peters \(x\)-Achse fliegt, geschieht E in \((x',y',z')\).

Bezüglich der \(y\)- und \(z\)-Position stimmen Peter und Susi überein. Und da Peter weiß, dass sich E zum Zeitpunkt \(t\) nach seinem Treffen mit Susi zum Zeitpunkt \(t_0=0\) ereignete, rechnet er:

$$x=v\cdot t+x'$$

Damit kann man Susis Koordinaten jederzeit in Peters umrechnen:

\begin{align} x &=v\cdot t+x'\\ y &= y'\\ z &= z'\\ \end{align}

Dolmetscher gesucht

Albert Einstein (1879 - 1955) „Zu jedem Wertsystem x, y, z, t, welches Ort und Zeit eines Ereignisses im ruhenden System vollkommen bestimmt, gehört ein jenes Ereignis relativ zum System k festlegendes Wertsystem ξ, η, ζ, τ, und es ist nun die Aufgabe zu lösen, das diese Größen verknüpfende Gleichungssystem zu finden.“

Anmerkung: System k entspricht Susis (bewegtes, gestricheltes) System und die Koordinaten \(\xi\), \(\eta\), \(\zeta\), \(\tau\) ihren Koordinaten \(x'\), \(y'\), \(z'\), \(t'\).

aus: A. Einstein
Zur Elektrodynamik bewegter Körper, Annalen der Physik 17 (1905)
Dies ist die sogenannte Galilei-Transformation Erinnere dich an Galileis Geschichte mit dem Schiff. . Halt, halt, halt! Galilei wusste ja noch nichts von Einstein. Wir haben die Rechnung ohne die Längenkontraktion und ohne die Zeitdilatation gemacht. Peter misst Susis Maßstab \(x'\) längenkontrahiert Maßstäbe in \(y\)- und \(z\)-Richtung senkrecht zur Bewegungs­richtung werden nicht verkürzt. :

$$x=v\cdot t+x'\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2} \qquad \text{(Peter)} $$

In Susis Inertialsystem passiert E zum Zeitpunkt \(t'\ne t\). Peter hat seit ihrem Treffen die Strecke \(v \cdot t'\) zurückgelegt (in negativer \(x'\)-Richtung). Zudem misst Susi Peters Maßstab \(x\) längenkontrahiert:

$$x\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2}=v\cdot t'+x'$$

Woraus folgt:

$$x=\frac{1}{\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2}}\left(v\cdot t'+x'\right) \qquad \text{(Susi)}$$

Und da 'mal wieder beide Recht haben liefert (Susi) eingesetzt in (Peter):

$$t=\frac{1}{\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2}}\left(t'+\frac{v}{c^2}x'\right)$$

\begin{align} t &= \cssId{Step0}{\frac{1}{v}\left(x-x'\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2}\right)}\\ &= \cssId{Step1}{\frac{1}{v}\left(\frac{v\cdot t'+x'}{\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2}}-x'\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2}\right)}\\ &= \cssId{Step2}{ \frac{1}{\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2}} \left(t'+\frac{x'}{v}-\frac{x'}{v}\left(1-\left(\frac{v}{c}\right)^2\right)\right) }\\ &= \cssId{Step3}{ \frac{1}{\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2}} \left(t'+\frac{x'}{v}-\frac{x'}{v}+\frac{x'}{v}\cdot\frac{v^2}{c^2}\right) }\\ &= \cssId{Step4}{ \frac{1}{\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2}}\left(t'+\frac{v}{c^2}x'\right) } \end{align}

Die Zahl \(\gamma=\frac{1}{\sqrt{1-\left(\frac{v}{c}\right)^2}}\) ist uns schon als Lorentzfaktor begegnet. Tatsächlich hat Hendrik Antoon Lorentz schon vor 1905 diese Umrechnungsformeln bei Untersuchungen zur Elektrodynamik entwickelt, sie aber nicht wie Einstein gedeutet.

Bewegen sich zwei Inertialsysteme \(I\) und \(I'\) mit der Geschwindigkeit \(v\) in \(x\)-Richtung gegeneinander, so können die Koordinaten (\(x,y,z,t)\) eines Ereignisses mit den Lorentz-Transformations­gleichungen ineinander umgerechnet werden: \begin{align} x &=\gamma\left(v\cdot t'+x'\right)\\ y &= y'\\ z &= z'\\ t &= \gamma\left(t'+\frac{v}{c^2}x'\right) \end{align}

Raum- und Zeitkoordinaten dürfen nicht mehr getrennt voneinander betrachtet werden. Sie verschmelzen zur 4-dimensionalen Raumzeit Ein Vorgeschmack auf die Raumzeit der Allgemeinen Relativitätstheorie. . In diesen Gleichungen steckt alles, was wir bisher erforscht haben — beispielsweise die Zeitdilatation:

Susi kocht im Zugrestaurant Spaghetti. Zum Zeitpunkt \(t'_1\) stellt sie den Küchenwecker auf 9 min und gibt die Nudeln ins Kochwasser. Um \(t'_2\) klingelt der Wecker und die Spaghetti sind perfekt al dente.

In Peters System Bahnhof fährt der Zug mit der Geschwindigkeit \(v\). Der Kochvorgang dauert gemäß Lorentz-Transformation $$t_2-t_1=\gamma\left(t_2'+\frac{v}{c^2}x'_2\right)-\gamma\left(t_1'+\frac{v}{c^2}x_1'\right).$$ Da in Susis Zug der Kochtopf fortwährend auf der Herdplatte steht während er an Peter mit \(v\) vorbeisaust , gilt \(x'_1=x'_2\) und die Gleichung vereinfacht sich zu $$t_2-t_1 = \gamma \, (t'_2-t'_1)$$ Das ist die Zeitdilatation \(\Delta t = \gamma \cdot \Delta t'\). Da Susi mit dem Einstein-Express mit \(v=0,8 \, c\) fährt, gilt \(\gamma =\frac{5}{3}\) und Peter wundert sich, dass die Nudeln nach 15 min Kochzeit nicht matschig sind.

P. S.: Wollen die beiden gemeinsam Abendessen, muss Susi anhalten und Peter 12 Lichtminuten 216 Millionen Kilometer von \(x_1\) nach \(x_2\) reisen (wo seine synchronisierten Uhren jeweils \(t_1\) und \(t_2\) registriert haben) und die Spaghetti sind kalt.

Doch die Lorentz-Transformation kann noch mehr. Sie verhilft uns zur — wie ich finde — faszinie­rendsten Formel der SRT. Wir kommen zum Titelbild unseres Kurses …

erstellt von C. Wolfseher